9 März 2010 - 12:07Wenn Schnee liegt, liegt Schnee

Vor vielen Jahren habe ich einmal einen Film über den Eiheiji gesehen, den Tempel, den Zenmeister Dôgen im Jahr 1242 eingeweiht hat.
Im Fim wurde das Winter – Sesshin die lange Übungsperiode der Mönche gezeigt. Meterhoch lag der Schnee um den Tempel und es schien bitterkalt zu sein. Einmal habe ich den Tempel mit einer Reisegruppe besucht. Es war Ende April als wir ankamen. Es regnete die ganze Nacht und es war bitterkalt und nass. Früh morgends waren wir im Hondo, der Haupthalle und durften bei den Morgenzeremonien teilnehmen. Das war für viele unserer Teilnehmer duchaus nicht nur eine Freude, weil es bittelkalt war. Die Teilnehmerin neben mir konte sich überhaupt nicht konzentrieren, weil sie derart leut mit den Zähnen klapperte, dass es schon fast die Zeremonien störte. Als wir am nächsten Teg abreisten, begann es wieder zu schneien und das war der 1. Mai.
Im Film wird ein junger Mönch gezeigt, der verzweifelt seinen Meister fragt:
“Seit ich hier bin im Eiheiji, liegt Schnee. Wann ist denn einmal die Zeit, wo kein Schnee liegt?”
Eine verständliche Frage eines jungen Mönches, der in den Strapazen des Sesshin noch die ungewohnte Kälte ertragen muss. Für die meisten Japaner, die auf der Seite des offenen Meeres entlang der Küste leben, ist derart viel Schnee und eine solche Kälte völlig ungewohnt. Aber der Rôshi saß völlig ungerührt auf seinem Sitzkissen. Seine Antwort war ganz klassisch:
Wenn Schnee liegt, liegt Schnee. Wenn kein Schnee liegt, liegt kein Schnee!”

Langsam fühle ich mich wie der junge Mönch. Wir hatten hier auch ein “Sesshin”, eine intensive Übungswoche im Tee. Als die Gäste kamen, war immer noch tiefer Winter. In den Pausen wurde fleißig das Eis auf den Wegen weggehackt, weil man kaum noch zum Tor gehen konnte. Aber dann kam – endlich – die Sonne und die Wärme und der Schnee verschwand so schnell, dass man zuschauen konnte. Es ist ja auch schon März, der Monat, in dem der Bauer die Rösslein einspannt.
Und dann kam sie wieder, die große Kälte und der Schnee. Temperaturen um 10 Grad unter Null und Massen von Neuschnee. Und das im März. Langsam stellt sich mir auch die Frage: Wann ist denn die Zeit, wenn kein Schnee liegt?

Am Samstag hat eine der Dorfbewohnerinnen einen Diavortrag über die letzten 50 Jahre Rüsselbach gehalten. Immerhin feiert Rüsselbach, das kleine Dorf in diesem Jahr sein tausendjähriges Bestehen. Sie hat Bilder aus dem Jahr 1963 gezeigt, das lag der Schnee noch viel höher als in diesem Winter. Die Schneewände entlang der Staße waren höher als drei Meter. Im Frühjahr standen all die Bäume mit abgefressenen Baumkronen, weil die Rehe kein anderes Futter gefunden hatten als die Baumwipfel, die gerade noch aus dem Schnee heraus schauten.
Ganz so viel Schnee gab es in diesem Jahr nicht. Aber ist das ein Trost? Wir möchten die ersten Frühlingsblumen sehen und die Vögel zwischern hören. Und was ist? Schnee! Und Kälte!

Sehnsuchtsvoll erwarte ich schon die Reise nach Japan, die ja schon bald starten wird. Wenn wir Glück haben, werden wir wieder die Kischblüte in ihrer vollen Pracht erleben und die warme Sonne Japans genießen.
Aber ist das die richtige Haltung? Sollen wir nicht ganz im Augenblick leben?
Ein Zenspruch für den Tee lautet ja:

KI SA KO: Trink Tee – Geh!

Wenn wir Tee trinken, sollen wir das mit voller Konzentration auf den Augenblick tun, unablelenkt von anderen Gedanken.
Ganz und gar Tee Trinken. Sonst nichts.
Und wenn es vorbei ist ist es vorbei.
Dann gehen wir, ohne noch in Gedanken an der Schönheit des vergangenen Augenblickes fest zu hängen.

Gut also: wenn Schnee liegt, liegt Schnee, wenn kein Schnee liegt, liegt kein Schnee.
Und jetzt liegt Schnee.

Ist es nicht schön, aus dem Fenster zu schauen und die Winterlandschaft zu sehen?
Schau, wie sich die Vögel am Futterhäuschen tummeln.
Und wie sich die eiskalte, aber helle Frühlingssonne im frostig glänzenden Schnee spiegelt.
Das ganze Schneeland glänzt und glitzert hell.
Und Nachts kommt der schwarze Kater aus der Nachbarschaft zu Besuch, um sich kurz aufzuwärmen.
Es ist schön zu sehen, wie er die Wärme drinnen genießt.

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10 Februar 2010 - 15:54प्रथमः समाधिपादः Yoga Sutra: Citta vritti – Stillung des Bewußtseins

Derzeit lesen wir hier im Myoshinan das Yogasutra des Patanjali. Das ist ein wunderbares Stück indischer Philosophie.
Das Yogasutra des Patanjali beginnt mit folgenden Versen:

प्रथमः समाधिपादः

2. योगश्चित्तवृत्तिनिरोधः
3 .तदा दृष्टुः स्वरूपेऽवस्थानम्
4. वृत्तिसारूप्यमितरत्र
5. वृत्तयः पञ्चतय्यः क्लिष्टाक्लिष्टा

2.yogash citta- vrtti- nirodhah
3.tadâ drashtu svarûpe‘vasthânam
4.vrtti- sârûpyam itaratra
5. vrttayah pañcatayyah klishtâ aklishtâh

2. Yoga ist die Stillung der wählenden Bewegungen des Bewußtseins.
3. Dann sieht der Seher sich selbst (in seiner reinen Form)
4. In allen anderen Zuständen ist er bedingt (getrieben) durch die wählenden Bewegungen des Bewußtseins
5. Diese Regungen sind fünffach und entweder leid-frei oder leidvoll.

Yoga ist also nicht die Form der Körperverrenkungen, wie sie in den Volkshochschulen gelehrt wird. Jeder Übungsweg, der die unruhigen Bewegungen des leidvoll – wählenden Bewußtseins stillt, ist nach dieser Bestimmung eine Form des Yoga. Auf einer akademischen indischen Website habe ich 356 unterschiedliche Formen von Yoga in den alten Sanscrit Texten gefunden. Man kann mit Recht sagen, dass auch die Zenmeditation eine Form des Yoga ist, bei der als einziges Asanam – Yogaposition – der Lotossitz geübt wird. Aber auch der Teeweg hat viele Elemente, die ihn als eine Form des Yoga kennzeichnen.

Yoga ist die Stillung der Bewegungen des Bewusstseins.
Citta ist das Bewußtsein. Das Wort ist abgeleitet von cit – ’sehen, beobachten, erkennen’. citta ist das in der Vergangenheit Gesehene, das aber unser Verhalten jetzt im Augenblick bestimmt. Citta kann also als “Bewusstsein” übersetzt werden. Bewusstsein ist aber nicht nur der Inhalt unserer Gedanken, es bestimmt auch unser Fühlen und unser körperliches Befinden. Deshalb heißt es, dass die Regungen des Bewußtseins “leidvoll oder leid-frei sein können. Das Bewußtsein also ist es, was das Leiden erzeugt.
In den Upanishaden wird das Bewusstsein mit einem Vogel verglichen, der mit einem elastischen Band an einem Pfeiler befestigt ist. Neugierig fliegt er hinaus, mal hierhin, mal dorthin.
Wäre der Vogel nicht festgebunden, wir würden das Bewusstsein von uns selbst verlieren, weil wir immer hinaus gerissen werden zu den Dingen draußen. Aber je neugieriger der Vogel nach außen fliegt, desto stärker wird er zurückgerissen und das erzeugt Leiden. Weil er aber nirgendwo einen Halt findet, muss er immer wieder zur “Bindestelle” zurück. Diese Bindestelle ist der Atem.

Die Bewegungen (vŗtti) des Bewusstseins ist abgeleitet von der Wurzel vŗt, wählen, vorziehen.
Ständig dringen Eindrücke auf uns ein, und unser Bewusstsein richtet sich auswählend auf eine besondere Sache. Aber es gibt ja so vieles zu sehen und zu bemerken. Alles ist interessant. Das Inter-esse ist da draußen bei den Dingen, die nicht nur wah-genommen, sondern auch besorgt sein wollen. Immer müssen wir so viel besorgen, dass wir vor lauter Sorge niemals zur Ruhe kommen. Also wird das Bewusstsein ständig in einer auswählenden Bewegung hin und her gerissen und kommt nie zur Ruhe.
Nicht nur das Bewusstsein ist hin und her gerissen, wir selbst sind so hin und her gerissen, aber zugleich sehnen wir uns nach der Stille, nach dem In-Uns-Selbst-Ruhen. Das gelingt aber nur, wenn das ständige Wählen des Bewusstseins gestillt wird. Erst dann sehen wir uns selbst so wie wir sind. In allen anderen Zuständen ist das Leiden des Auswählens und des Hin- und Her – gerissen Seins.
Die Bewegungen des Bewusstseins sind die citta vritti, die wählenden Bewegungen des Bewusstseins. Wenn diese Bewegungen zur Ruhe gekommen sind, wenn sie ge-stillt sind, dann sieht der “Seher” (drastah) sich selbst in seiner reinen, nicht von den Dingen be-dingten Form. In allen anderen Zuständen sind wir das, was uns von außen vorgegeben ist, wir sind nur Reaktion und niemals wir Selbst.

Martin Heidegger hat geschrieben, dass wir ständig in Sorge darum sind, dass unser Sein gelingt. Er nennt das die Grundstruktur der Sorge, die aber im Alltäglichen abgleitet zum “Besorgen”. Wir müssen Dies und Das besorgen. Die Dinge schreiben förmlich danach, besorgt zu werden. Vor lauter “Be-sorgen” haben wir keine Zeit mehr, zu uns Selbst zu finden. Aber nur wenn die Besorgungen zur Ruhe kommen, können wir uns Selbst finden.

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20 Januar 2010 - 12:53Der Marathonmönch von Kyōto

Gestern Abend lief in 3-sat wieder einmal der Film von Ingolf Bauer über den Marathonmönch von Kyōto, der inzwischen schon eine Berühmtheit geworden ist.

Der Marathonmönch aus 3-sat
Der Marathonmönch aus dem Film in 3-sat

Der Film hat wieder einige Erinnerungen und viele Gedanken wachgerufen. Im letzten Frühjahr hatten wir das Glück, dem Mönche auf seinem Weg durch Kyōto zu begegnen. Wir waren früh morgens auf dem Weg zum Daihachi-Jinja, dem Schrein, an dem der berühmte Schwertmeister Musashi seinen entscheidenden Kamp gegen die gegnerische Schwertschule ausgefochten hat. Die stillen Gassen in der ländlichen Vorstadt im Nordosten Kyōtos, die direkt unter den Hängen des Hieei-Berges liegen, wurden plötzlich von einer eilig dahinziehenden Gruppe weiß gekleideter Menschen bevölkert. Männer mit flachen, tellerartigen Hüten eilten der Gruppe voraus und riefen den Weg frei, obwohl noch niemand sonst unterwegs war. Dann kam der junge Mönche mit seiner merkwürdigen Kopfbedeckung, die aus dünnen Streifen des Hinoki, der japanischen Zeder geflochten sind. Mit einer unglaublichen Geschwindigkeit zog die Gruppe vorbei und es war zu sehen, dass die ebenfalls weiß gekleideten Begleiter des Mönches diese Geschwindigkeit nicht lange durchhalten würden. Sie werden bald von Anderen abgelöst,die schon darauf warten, wenigstens ein kleines Stück gemeinsam mit dem Mönch durch Kyōto zu laufen. Das ist dann ein Ereignis, auf das sie sich schon lange vorbereitet haben und das ein wenig Licht in den Alltag bringen wird.

Der Mönch Hoshino Endo, der Marathonmönch lebt allein in einem Haus auf dem Hieie-Berg, wo ihm sein Kloster ein Haus zur Verfügung gestellt hat, damit er seine religiösen Übungen als Gyogia nachgehen kann. Dazu muß er in sieben Jahren eine Gesamtstrecke von mehr als 38000 Kilometer zurück gelegt haben. Jede Nacht läuft er dreißig Kilometer – am Ende seiner Übungen werden es 84 Kilometer in jeder Nacht sein – auf einer vorbestimmten Strecke oben auf dem Berg und verrichtet an bestimmten Stellen seine Gebete. Dabei führt er genau festgelegte Handbewegungen – Mudras -  aus, die Sanskrit-Buchstaben darstellen. Seine Gebete und Rezitationen der Sutren  verrichtet er mit unglaublicher Geschwindigkeit.  Er sagt von sich selbst, dass er vermutlich der schnellste Beter Japans ist. Er muss auch so schnell seine Rezitationen durchführen, sonst schafft er sein allnächtliches Programm nicht. Hoshino Endo hat ein Gelübde abgelegt, dass er während all der Jahre seiner Übung den Berg Hiei niemals verlassen darf, nur einmal im Jahr muss er bestimmte Tempel und Schreine in Kyōto besuchen und genau an diesem Tag sind wir ihm begegnet.

Normalerweise ist er bei seinen nächtlichen Wanderungen, Übungen und Gebeten allein auf dem weiten, von dichten Zedernwäldern bedeckten Gipfel des Hiei-San, aber wenn er in die Stadt kommt, berührt er die Menschen, die ihm begegnen mit seiner Mala, der Gebetskette, kurz auf dem Kopf oder dem Rücken, um ihnen ein wenig von seiner Kraft und Energie weiterzugeben. Diese Kraft is um so erstaunlicher, als Hoshino Endo auf den Hiei-San kam, weil er unter furchtbarem Asthma litt und ihm sein Arzt einen Aufenthalt dort in der reinen Luft des Berges empfohlen hatte. Ihm gefiel es dort oben so gut, dass er als Mönch blieb. Seine Gesundheit ist derartig stark geworden, dass er sich dieser schwierigen asketischen Übung unterziehen kann.

Dabei ist die Hingabe an die Übung von tödlicher Absolutheit. Er trägt stets eine Schnur bei sich, mit der er sich selbst erdrosseln wird, wenn er auch nur eine Nacht mit seinen Übungen aussetzen würde. Keine Möglichkeit zu sagen, ich probier das mal eben so aus. Wenn es nicht klappt, kann ich noch immer wieder aufhören. Viele von uns probieren mal so eben einen der Übungswege. Kann man ja wieder aufhören, wenn es mir nicht gefällt. Und dann gehe ich zu diesem Meister, dann zu jenem. Irgendwann wird die Erleuchtung schon von ganz allein kommen. Wenn sich dagegen ein Mönche des Tendai-Ordens zu der Übung des Gyogia entschließt und er die Erlaubnis von seinen Tempeloberen dafür erhält, gibt es kein Ausprobieren und kein zurück mehr. Nur mit dieser im wörtlichen Sinn tödlichen Entschlossenheit hält man eine solche Übung durch, die verlangt, dass man bei Regen und Schnee, Krankheit oder Verletzung Nacht für Nacht seinen Weg durch den dunklen Bergwald zurücklegt.
Wenn es uns doch gelingen könnte, nur ein klein wenig von dieser Entschlossenheit auf den Übungen unseres Weges mitzubringen!

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12 Januar 2010 - 12:45旅館 – Ryokan

Draußen vor dem Fenster fällt der Schnee. Das ganze Land versinkt im Weiß und der Bambus im Garten neigt sich unter der Schneelast. Nur die alte Kiefer steht stolz und trägt die weißen Hauben mit Würde. Der Buddha im Gaten hat eine weiße Mütze auf und die Vögel schwirren um das Futterhäuschen.

Drin am Computer bin ich in Japan. Die nächste Reise im Frühjahr will vorbereitet und die Unterkünfte müssen gefunden und gebucht werden.  Es ist eigentlich schon ziemlich spät, denn der April ist die Hauptreisezeit für Japan. Die Kirschblüte wird zwar schon vorbei sein, aber die Ryokan in der alten Kaiserstadt Kyoto sind schon fast alle voll.
Zimmer im Ryokan

Aber in Tokyo, Kamakura, Nikko und Nara haben wir noch schöne traditionelle Unterkünfte gefunden.
Wir übernachten in Japan  immer in den traditionellen Ryokan – .
ryo oder tabi gelesen ist die Reise, -kan ein großes Gebäude. Eigentlich sind die Ryokan nicht wirklich groß, die meisten sind eher kleine Häuser mit nur wenigen Zimmern. Die Zimmer sind im traditionellen japanischen Stil eingerichtet, das heißt, man schläft auf dem Tatami-Boden. Dazu rollt man in besonderen Schränken aufbewahrte Futon aus und schon verwandelt sich der Tagesraum in einen Schlafraum. Die meisten älteren Ryokan haben kein privates Bad, dafür aber den Furo oder Sento, der getrennt nach Geschlechtern gemeinsam von allen Gästen genutzt wird.

Für viele sicher ein ganz neues Erlebnis, an das man sich gewöhnen muß. Es ist schon eine merkwürdige Erfahrung, völlig nackt mit vielen fremden Menschen in einem großen Becken mit heißem Wasser zu sitzen. Aber wenn man das einmal erlebt hat, genießt man die wohlige Entspannung, die allen Stress desTages verschwinden läßt. In Korea habe ich gehört, dass die Koreaner vermuten, die Japaner würden sterben, wenn sie drei Tage nicht gebadet haben.

Früher war es ausgesprochen schwierig, Zimmer in einem Ryokan zu bekommen. Als ich meine erste Gruppenreise nach Japan organisiert habe, mußte ich noch schriftlich versichern, dass sich die Reiseteinnehmer “anständig” benehmen können und nicht wegen der Schlichtheit der Herberge wieder abreisen. Die Schlichtheit ist dabei oft geradezu ein Stil der äußersten Vornehmheit. Eines der vornehmsten Ryokans in Kyoto ist das – Tawaraya Ryokan, wörtlich “Stohsack-Hütte Ryokan”. Die Übernachtung kostet dort nur etwa 350 Euro, aber man schläft auch dort “auf dem Strohsack”. Die Vornehmheit des Ryokan erfährt man dann in dem erstklassigen Service und der ganz persönlichen Betreuung. Man ist dort kein Fremder, sondern Gast, der sich völlig zu Hause fühlen soll.

Anständig benehmen heißt unter anderem, daß man die Hausschuhe wechselt, wenn man die Toilette betritt und dass man erwartet, dass man sich gründlich reinigt, bevor man in das heiße Wasser des O-Furo steigt. Der Furo dient NICHT zur Reinigung. Die hat vorher stattgefunden – und zwar gründlich. Man sitzt mit dem Gesicht zur Wand auf niedrigen Hockern, seift sich ein und spült die Seife wieder mit einem Holz- oder heute Plastikkübel ab. Japaner fürchen nichts mehr, als dass ein Gaijin, ein Außenmensch ungereinigt in das Wasser steigt, sich dort einseift und wäscht. Es kann schon mal vorkommen, daß ein Japaner sofort den Ofuro verläßt, wenn ein Gaijin ins Wasser steigt. Schlimm ist auch, wenn der Gaijin, nachdem er sich im Bad gereinigt hat, das Wasser abläßt. Das heiße Wasser steht von etwa 6 bis 11 jeden Abend für Alle bereit und wird an diesem Tag nicht gewechselt.

In vielen Ryokan ist man auch stolz auf das Essen, das serviert wird. Dafür wird absolute Pünktlichkeit beim Abendessen verlangt. Alles ist ganz frisch und auf die Minute genau vorbereitet. Nichts schlimmer als ein Gast, der zu spät zum Essen kommt. Das ist eine Beleidigung für den Koch. Meistens wird das Essen auf dem Zimmer serviert, aber wenn wir mit Gruppen unterwegs sind, serviert man meistens in einem Gemeinschaftsraum. Dabei sitzt man dann ganz traditionell auf dem Boden, das Essen auf niedrigen tischen. Einmal kam das gesamte Küchenpersonal nach dem Servieren des Essens und saß am anderen Ende des Raumes, um zuzuschauen, wie die Gaijin essen. Als wir das Essen, das wirklich köstlich war, über alles lobten, wurden sie sehr verlegen aber auch stolz. Das größte Erstaunen aber löste die Tatsache aus, dass wir am Boden sitzend essen konnten – sowas, davon war man überzeugt, können Gaijin nicht.

Die meisten Ryokan sind wirklich wie Familien-Herbergen. Wenn man länger als einen Tag verweilt, gehört man schon zur Familie, ja auch wenn man das Erste mal in ein Ryokan kommt, fällt schon die Begrüßung meistens so aus, als käme man nach langer Abwesenheit wieder einmal nach Hause. Manchmal kann man dann auch an den besonderen Tätigkeiten der Hausherren teilnehmen. Dieses Mal werden wir in einem Ryokan sein, in dem der Hausherr Unterricht im traditionellen Kyogen erteilt. Kyogen ist eine Art Komödienspiel, das ursprüngliche zwischen den einzelnen Noh-Stücken gespielt wurde, um die Zuschaer wieder aus dem tiefen Ernst zurückzuholen. Die Hausherrin ist darüber hinaus eine Kalligrafie-Meisterin und der Hausherr schnitzt Buddhafiguren.

Früher hatte man Angst, die Gaijin in das Ryokan aufzunehmen, aber heute ist eine Wende zu beobachten. Die traditionellen Ryokan sterben und die Japaner wohnen lieber in einem Hotel westlichen Stils. Heute sind es eher die Gaijin, die manch eines der traditionellen Häuser am Leben erhalten.
Und die Preise? Man kann nirgend wo so günstig wohnen wie in einem einfachen Ryokan. Es muss ja nicht immer das Tawaraya sein.

PS.:
Wenn schon Tawaraya, dann im Fernsehen. Am Sonntag, den 24. Januar 2010 um 14.15 Uhr läuft auf Arte ein Film über das Tawaraya. Weblink: Arte – Tawaraya

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11 Januar 2010 - 19:26Brief an einen koreanischen Mönch

Aus Korea kam dieser Tage ein Kalligrafie, die ein berühmter Mönch für unser Teehaus geschrieben hat.

Der Mönch ist bekannt für seine riesige Zucht von Lotusblumen, die er zur Ehre Buddhas züchtet und für seine Kunst des Schreibens. Er hat schon einmal zwei Kalligrafien für das Teehaus geschreiben und wir haben ihm dafür die Gesamtaufnahme von Beethovens Werken in der Interpretation von Honancourt geschickt, weil wir erfahren hatten, dass er Beethoven sehr liebt. Nun hat er als Dank wieder eine schöne Kalligrafie geschickt:

水如  Mizu kotoshi

Wörtlich heißt das : “Wie Wasser”. Unser Herz (Geist) soll sein wie Wasser, sich nirgendwo festhalten oder festklammern, immer im Fluß bleiben. Zenmeister Takuan, der als Lehrer des großen Schwertmeisters Musashi gilt, schrieb einst:

Nehmen wir an, du stehst vor einem Baum und entdecskt daran ein rotes Blatt. Bleibt dein Gesit daran haften, siehst du nur noch das rote Blatt und die restlichen Blätter nicht. …Du kannst hundettausend Blätter erkennen, wenn du dich nicht auf eines festlegst.

Wird unser Geist wie Wasser, der nirgends anhaftet, so werden wir, wie Takuan schreibt zu  “einer tausendarmigen Kannon” – einer Kannon, die in ihren tausen Armen Hilfe für tausend Nöte hat. Würde sie festhalten, könnte sie nur in einer einzigen Not helfen.

Gut, schicken wir also wieder ein Geschenk nach Korea. Dann kommt als Gegengeschenk wieder eine Kalligrafie. Und wenn sie nicht gestorben sind, schicken sie noch heute Geschenke, Kalligrafien, Geschenke, Kalligrafien ….

Also schreiben wir einen Brief zum Dank. Aber unser Mönch kann kein Englisch und wir kein Koreanisch.
Was also tun?
Zum Glück gibt es ja heute den “Translator” im Google, der kann Koreanisch. aber man hat ja schon immer schreckliche Dinge über automatische Übersetzungen gehört. Der alte Witz sagt, dass ein Priester den Satz: “Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach” von einem Computer ins Englische und wieder zurückübersetzen ließ. Als Rückübersetzung kam dabei angeblich heraus: “Der Whisky ist gut aber das Steak ist noch roh!” Also probieren wir das mal aus:

Wir haben uns sehr über ihre Kalligrafie gefreut
우리는 그들의 서예와 함께 매우 기쁘게 생각했다

In der Rückübersetzung heißt das dann:
Wir dachten, sie waren sehr zufrieden mit der Kalligraphie.

Na, schönes Deutsch, trifft aber den Sinn eigentlich nicht. Also nochmal probieren:

Vielen Dank für die schöne Kalligrafie
아름다운 서예 주셔서 감사합니다

Die Rückübersetzung ergibt zur völligen Verblüffung: “Vielen Dank für die schöne Kalligrafie”! Geht doch! Also weiter:

Wir werden sie in der Tokonoma unseres Teehauses aufhängen
우리는 찻집 tokonoma 그들을 교수형 것입니다
Wir hängen ihnen Tee tokonoma

Naja, ist ja schon eine Frechheit: im deutschen Satz auch noch unübersetzte japanische Begriffe einfügen. Woher soll der arme Computer wissen, dass Tokonoma der JAPANISCHE Begriff für eine Schmucknische ist. Aber er ist doch immerhin so schlau, dass er den Begriff, den er nicht verstanden hat unübersetzt gelassen hat.  Neuer Versuch:

Wir werden sie im Teehaus aufhängen
우리는 찻집에서 그들을 기다려
Wir müssen in den Tee warten

Also das Wort Teehaus kennt er auch nicht.

Wir werden sie mit Freude an die Wand hängen
우리는 기쁨과 벽이 그들을 교수형 것입니다
Wir werden sie hängen an den Wänden mit Freude

Nicht sehr elegant aber verständlich.

Fazit: Nach langem Probieren mit Hin- und Her-Übersetzen und Verändern der Sätze kam ein – jedenfalls in der Rückübersetzung – durchaus lesbarer Text heraus. Wir werden also jetzt einen Brief an unseren koreanischen Mönch schreiben natürlich in der koreanischen Schrift Hangul geschrieben, ohne auch nur ein einziges Wort Koreanisch zu können. Ja, wir können noch nicht einmal den koreanischen Text lesen.
Aber man kann also heute durchaus mit fernen Ländern, deren Sprache man nicht kennt korrespondieren.
Ach, wenn das Internet und der Computer nicht wären!

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