28 Juni 2010 - 11:57Sitting Seiza, der Kürbis und Boddhidharma

Seit einiger Zeit verfolge ich in einem amerikanischen Forum über Teezeremonie eine lange Diskussion über “sitting seiza”.
Das ist die Sitzposition, bei der man mit eingeschlagenen Beinen auf den Fersen sitzt.

Zugegeben, das ist für Anfänger meistens ziemlich schmerzhaft. Aber es gibt einen ganz einfachen Trick, wie man das Sitzen in dieser Position lernen kann. Eigentlich ist das ein Geheimnis, aber ich denke, in unserer heutigen Zeit sollte man auch die letzen Geheimnisse des Teeweges erläutern. Das Geheimnis:
ÜBEN!
Regelmäßig üben!
REGELMÄSSIG!
Oder noch genauer:
REGELMÄSSIG ÜBEN!

In dem Forum wurde diskutiert, welcher Teelehrer welche Meinung vertritt und ob man die Gäste auf Kissen oder auf Stühlen oder gar nicht sitzen läßt. Aber niemand fragte nach dem Sinn des Seiza. Zunächsat einmal war das früher, als es in Japan keine Stühle gab die übliche Form, auf dem Tatami-Boden zu sitzen. Niemand klagte über Schmerzen, auch die alten Leute nicht. Man hat eben das Sitzen auf den Fersen regelmäßig praktiziert.
Hier meine Antwort auf die Diskussionen in dem fraglichen Forum (natürlich übersetzt):

Ich verfolge die Diskussion über das Sitzen in Seiza mit großem Interesse.
Aber ich wundere mich, das niemad fragt, WARUM wir beim Tee in Seiza sitzen.
Ich lese nur: “mein Lehrer sagt …, in meiner Jugend haben wir, .. wir machen das so, dass …!”
In dieser Diskussion wird lediglich das Seiza als Tradition diskutiert.

Historisch gesehen haben die Samurai bei den Tee-Einladungen als Gäste niemals im Seiza gesessen, weil das damals einfach noch keine allgemeine Sitte war.
Man saß im “koreanischen Stil”, ohne Kissen auf dem Boden, ein Knie aufgestellt und angewinkelt. Die Arme konnte man um das aufrecht stehende Knie legen.
Wurde die Position unbequem, so wechselte man einfach das aufrecht stehende Knie. Das Sitzen in Seiza ist “erst” seit etwa 200 Jahren die übliche Sitzhaltung, das heißt dass sie es zu Rikyū’s Zeiten auch nicht war.

Es gibt natürlich Unterschiede der Sitzposition für den Gastgeber und für die Gäste.
Für die Gäste ist es durchaus möglich, mit gekreuzten Beinen, auf hohen Sitzkissen, auf Schemeln oder Stühlen oder sonstwie zu sitzen. Dabei ist es nicht gerade förderllich, wenn der Gastgeber auf dem Boden und die Gäste auf hohen Stühlen sitzen, weil dadurch eine zu großer Unterschied entsteht. Aber wenn der Gastgeber auf einem Podest sitzt und die Gäste auf Stühlen in Augenhöhe mit dem Gastgeber, so stimmen die Relationen wieder.
Man muss einmal versuchen, als Gastgeber mit gekreuzten Beinen auf dem Boden sitzend Tee zu bereiten. Das wird nahezu unmöglich!

In der späteren Meiji-Zeit wurden Teezeremonien entwickelt, die man an niedrigen Tischen auf Schemeln sitzend ausführt. Aber diese Form verändert völlig die Athmosphäre und die Empfindungen bei der Teezeremonie. Die Tische schaffen eine Art Barriere zwischen Gast und Gastgeber. Als ich das erste Mal eine solche Zeremonie übte, hatte ich plötzlich das Gefühl, dass mein Schwerpunkt wie ein Kloß in der Kehle saß, kein sehr angenehmes Gefühl. Es brauchte eine lange Übung, den Schwerpunkt wieder in den Hara zurück zu bekommen. Das war für mich, auch als relativer Anfänger, beim Sitzen in Seiza viel einfacher. Aber mein Lehrer bestand darauf, dass ich auch die Form an Tischen übte.

Die Sitzposition ist nicht nur eine Sache der Tradition, sie hat auch einen gewaltigen Einfluß auf unsere Atmung und auf die Balace unseres Körpers.

Ich unterrichte nicht nur Teezeremonie, sondern auch Zen – Shakuhachi in der Tradition der Komuso-Mönche. Auch hierbei sitzen wir Seiza. Dies ist bei der Shakuhachi eine sehr “einfache” Sitzhaltung (wenn man die möglichen Schmerzen meistert). In dieser Sitzposition bekommt man einen “guten Ton” auf der Shakuhachi. Sitzt man auf modernen Stühlen, so stellt sich der “gute Ton” nur sehr schwierig ein. Man kann auch mit gekreuzten Beinen auf Sitzkissen sitzen. Aber dazu ist es nötig, die richtige Sitzposition erst zu suchen.
Beim Spiel der Shakuhachi ist die richtige Sitzposition sehr wichtig, weil man sonst keinen Ton bekommt. Die Shakuhachi ist in diesem Fall unser Lehrer. Sitzt man in Seiza, so stellt sich die richtige Sitzposition fast “automatisch” ein.

Die Wirbelsäule hat eine natürliche Krümmung in S-Form. Am Becken bildet sich ein leichtes Hohlkreuz, der Rücken ist zwischen den Schultern leicht nach vorn gebeugt.
Auf modernen Stühlen ist es nahezu unmöglich, in einer “entspannten” Sitzhaltung diese natürliche Form der Wirbelsäule zu finden. Man rutscht tief in die Sitzfläche und der Rücken wird insgesamt rund und die Schultern fallen nach vorn. Das Zwerchfell wird eingeklemmt und kann sich nicht frei bewegen. Die Atmung wird flach und unfrei. Nach einiger Zeit verspannt sich die Schulterpartie und der Nacken und man bekommt Kopf- und Rückenschmerzen.
Sitz man auf einem einfachen Schemel mit flacher Sitzfläche, nur auf der Vorderkante des Schemels und richtet den Rücken auf, so findet die Wirbelsäule ihre natürliche S-Form und die Atmung wird frei. Kippt man das Becken leicht nach vorn, so daß ein Hohlkreuz entsteht, sitzt man automatisch zentriert im Becken, das Zwerchfell wird frei und die Atmung fließt bis tief in den Bauch.
Atmet man auf diese Weise, so zentrieren wir den Körper in der Region etwa eine Handbreit unterhalb des “Omphalos”.
Im antiken Griechenland war der Omphalos der Nabel der Erde, das Zentrum der Erde. Wenn wir in dieser Weise sitzen, zentrieren wir uns im Omphalos und unser Nabel wird zum “Zentrum der Erde”.
Sitzt man im Seiza mit der Wibelsäule in der natürlichen S-Form, so fühlt man sich nach einiger Zeit (wenn man die Schmerzen gemeistert hat) wie ein dicker Kürbis, der fest und schwer auf der Erde aufruht. Nichts kann ihn umwerfen!
Daruma
Wir fühlen uns wie Daruma (man muss ja nicht gleich so grimmig schauen!) Daruma, wie er in Japan heißt, oder Boddhidharma in Indien, hatte, so will es die Legende, Arme und Beine verloren, nachdem er zehn Jahre mit dem Gesicht zur Wand meditiert hatte. In Japan fertigt man Daruma – Puppen, die als Stehaufmännchen niemals umzuwerfen sind, eben weil sie keine Arme und Beine haben. Die sind es, die uns aus unserer Mitte werfen.
Die Darumas sind ein Vorbild für alle Kinder: Könnten wir doch so stabil und sicher in unserer Mitte sitzen wir Daruma.

Während wir so im Seiza sitzen, bewegen wir die gesamte Wirbelsäule vom Becken an aufwärts nach vorn und hinten. Wenn wir etwa die Teeschale nehmen, geht der Körper leicht nach vorn ohne die Form der Wirbelsäule zu verändern, so wie ein Taschenmesser einklappt. Die Arme werden nicht ausgestreckt, sondern der gesamte Körper bringt die Hand zur Teeschale und nimmt sie vom Boden auf. So machen wir Tee, “ohne auch nur ein einziges Mal die Hände zu benutzen”.
Dabei ist es ganz natürlich, dass wir ausatmen, wenn wir den Körper nach vorn bewegen und einatmen, wenn wir uns wieder aufrichten.
Weil durch die leichte Vorwärtshaltung die Bauchdecke etwas eingedrückt wird, können wir nicht mehr, wie man das in vielen Meditationsanleitungen liest “mit dem Bauch” atmen. Wir beginnen, automatisch mit dem Becken und dem Rücken in der Nierengegend zu atmen. Durch die Bewegung und die Atmung entsteht eine Art von “Massage” des Iliosakralgelenkes und des Becken- und Nierenbereiches, nach Sicht der traditionellen chinesischen Medizin der Ort, an dem die Lebensenergie Ki oder Chi produziert wird. Dieses Ki beginnt zu fließen und sich im gesamten Körper zu verteilen. Man spürt das Ki im Becken, im Rücken, in den Händen und – im Herzen. Das Herz wird leicht, frei und offen. So “reinigen” wir unser Herz von Depression, Sorgen und Nöten. All das ist eine der Voraussetzungen für das Erleben von Samadhi im Tee.
Wenn auch die Gäste in der entsprechenden Weise sitzen und atmen, spüren sowohl Gast als auch Gastgeber die selbe Energie fließen. Es ist nicht MEINE Lebensenergie, sondern diejenige, die in ALLEN Dingen fließt. Das ist die Harmonie, von der im Daodejing die Rede ist. Die Harmonie läßt die Ernergie des Lebens in allen Dingen fließen und wir können sie in unserem Körper spüren. In diesem Sinne werden Gast und Gastgeber “EINS”.

Uchiyama Rōshi aus dem Tempel Eiheiji Dōgen’s hat einmal in einem Buch etwa folgendes geschrieben:

Wenn wir im Sazen (Meditation im Sitzen) sitzen, beginnen wir plötzlich, uns wie ein dicker Kürbis zu fühlen. Das Sitzkissen unter uns rundet sich und wird zur gesamten Erdkugel. Plötzlich spürt man, wie oben am Kopf etwas zu wachsen beginnt, wie eine Ranke, an der der Kürbis hängt. Man spürt, wie die Ranke weiter wächst und dort andere Kürbisse daran hängen, und wie sich die Energie zwischen den Kürbissen über die Ranke austauscht.

Wenn wir so Tee üben, dann ist das Tee und Zen, dann werden Gast und Gastgeber EINS.

Warum übe ich den Teeweg?
Es ist faszinierend, all die Schönheit und Ästhetik im Teraum zu erleben, Es ist eine wundervolle Erfahrung eines gemeinsamen Tuns, eines ganz alltäglichen Tuns wie “Wasser holen, Feuer anzünden, Tee schlagen und mit Anderen teilen” und des EINS werdens mit allen Dingen.

Samadhi im Tee bei ganz alltäglichen Verrichtungen!

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12 Mai 2010 - 10:51Kyoto Ningyo und Kintaro

empress

Die Kaiserin aus dem Puppen – Hofstaat der Kyō-Yusoku-Ningyō

Die alte Kaiserstadt Kyoto ist berühmt für seine Kultur und seine Kunst. Ein volkstümlicher Teil dieser Kunst sind die Puppen aus Kyoto, die Kyo – Ningyo. Diese Puppen sind viel zu kostbar, um Kinder damit spielen zu lassen.
In der Kultur des Kaiserhauses spielten die Zeremonien schon seit der Heian-Zeit eine überaus große Rolle. Jedes Detail der Kleidung und der verwendeten Farben wurde genau  festgelegt. Ja, es gab sogar ein eignes Amt, das all diese Details nach dem I-Ging, dem chinesischen “Orakelbuch”  regelte.   Alle diese Details wurde in genauen Aufzeichnungen festgehalten , den sogenannten Yusoku. Die Kunsthandwerker, die seit vielen Generationen mit der Anfertigung von benötigten Utensilien beschäftigt waren, waren im Besitz dieser Yusoku.
Beim Mädchenfest am 3.3. wird der gesamte Hofstaat des Tenno in Form von Puppen aufgestellt. Das soll den kleinen Mädchen Glück und Segen bringen. Die kostbarsten Puppen für diesen Hofstaat sind die Kyo-Yosoku-Ningyo, die Puppen aus Kyoto, die nach den Regeln des Yusoku angefertigt wurden. Ein kompletter Hofstaat kostet bis zu 13.000 Euro!

Tenno

Der Tennō – Kyō Ningyō

Eines der berühmtesten Geschäfte für die Kyōto Puppen, das Shimazu liegt in der vierten Strasse, der Einkaufsmeile Kyōto’s. Auf der Strassenseite eine Fensterfront mit den Puppen, hinten im Geschäft schaut man in den kleinen Garten im Innenhof, ein völlig unerwarteter Anblick mitten in der Stadt. Man findet dort nicht nur die traditionellen Puppen für das Mädchen- oder das Knabenfest. Selbstverständlich gibt es dort auch die traditionellen Puppen mit Szenen aus dem Noh-Theater.  Aber man ist ja modern und geht mit der Zeit. Es gibt auch die “Ichimatsu Ningyo” Puppen, die gern als Geschenk und als Kunstobjekt gesehen werden.

Kyoto Ningyo

Stellt ein frisch verheiratetes Paar eine solche Puppe auf, so wird es bald ein gesundes Kind nach dem Vorbild der Puppe bekommen.

Wir haben dort die unterschiedlichsten  Puppen vom Kintaro, dem Gold-Knaben gesehen, offenbar einem äußerst beliebten Modell. Eine solche Puppe kostet je nach Ausführung zwischen 100 und 500 Euro. Kintaro war schon als kleiner Knabe stark und tapfer, später wurde er ein berühmter Samurai, der treu seinem Herrn diente. Welches Paar wünscht sich nicht einen Knaben wie den Kintaro?

Kintaro ist in Japan bis hin zur modernen Zeit eine äußerst beliebte Gestalt, vom Kabuki-Theater bis hin zum Manga und Anime. Die Geschichte vom Kintaro findet man in unserem kleinen Buch vom Donnergott: “Wie der Donnergott einmal in den Brunnen fiel” bei Amazon

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11 Mai 2010 - 11:29Das Lachen der Götter

Japan ist schon ein merkwürdiges Land. Bei den religiösen Feiern am Shintoschrein wird getanzt, getrunken und gelacht.

Wir hatten das Glück, in Nikko bei einem zweitägigen Shinto – Matsuri teilzunehmen. Kinder und Jugendliche saßen in festlich geschmückten Wagen, die durch die Staßen gezogen wurden und schlugen die Trommeln. Als Begleitung war auch ein Wagen unterwegs, in dem das Fass mit dem Sake transportiert wurde. In einem mit Holzkohle geheizten Ofen wurde der Sake gewärmt und an die Teilnehmer des Festzugen aber auch an Zaungäste ausgeschenkt. Das war auch bitter nötig, weil es an dem Tag recht kalt war, ja, am nächsten Tag lagen 15 cm Neuschnee, und das Mitte April. Am “heiligen Ort”, der Brücke, die wie die Himmelbrücke geformt ist, auf der Izanagi und Izanami standen, als sie die Inseln Japans schufen, fand eine Shinto-Zeremonie statt. Und dann wurde weiter gesungen, getanzt und die Trommel geschlagen, bis spät in den Abend. Vor Touristen hörten wir das weise Wort:”Das ist ja eine vollkommen andere Welt!”

Wohl wahr. Nicht das Leiden bringt das Licht in die Welt, sondern das Lachen!

Einmal, es war schon kurz nach der Entstehung aller Dinge, zog sich die Sonne, Amaterasu zurück in eine Höhle. Ihr Bruder Susano, der “immer heult wie der Wind” hatte den Tod in ihren Himmlischen Palast gebracht, indem er die abgezogene Haut  eines Pferdes in den himmlischen Weberpalast der Amaterasu warf. Die Höhle ist vermutlich ein Felsengrab, wie man es im frühen Japan findet.

Oh weh, nun war das Licht aus der Welt verschwunden. Alle Kami versammelten sich und beratschlagten, was man denn tun könne. Aber es fiel ihnen nur ein, eine hübsche junge Frau mit einem pausbäckigem Gesicht zu rufen, die vor der Höhle tanzen sollte. Alles wurde vorbereitet, Büsche und Bäume mit Papierstreifen geschmückt und ein riesiges Fass umgedreht vor der Höhle aufgebaut, das als Tanzbühne dienen sollte. Die junge Ama no Uzume stellte sich auf das Fass, hob ihre Rochschöße so weit hoch, dass man ihre Scham und ihre Brüste sehen konnte und wollte zu tanzen beginnen. Da brachen die Miriaden von anwesenden Kami in ein schallendes Gelächter aus.

Amaterasu hörte das drin in ihrer Höhle und dachte bei sich: “Wie können die Kami so laut lachen, wo doch kein Sonnenlicht mehr auf der Welt existiert?” Vorsichtig öffnete sie die Höhle einen Spalt weit und da sah sie die Uzuma einen öbszönen Tanz tanzen. “Wir haben eine viel schönere Sonne gefunden, als du es bist!” rief Uzuma der Amaterasu zu und hielt ihr einen Spiegel vor. Amaterasu hatte noch nie einen Spiegel gesehen, darum frage sie sich, wer wohl die strahlende Schönheit sei, die ihr da entgegenschaute und sie kam immer weiter aus ihrer Höhle heraus.

Da zogen die Kami ein aus Reisstroh geflochtenes Seil zwischen sie und die Höhle. Nun konnte die Sonne nicht mehr tief in der Höhle verschwinden, sie mußte immer wieder hervorkommen. Und so kommt es, dass heute noch Tag und Nacht miteinander abwechseln.

Aber was das Licht zurück gebracht hatte in die Welt, war das Lachen der Götter!

Sie hatten gelacht über den obszönen Tanz der Uzuma, weil der ihnen gezeigt hatte, wie der Tod überwunden werden kann: durch die Freuden des Lebens selbst. Nicht das Leiden und der Tod bringt das Leben, sondern die Freuden und das Lachen.

Wer sagt denn noch, dass der Shinto eine “primitive” Religion ist?

Mehr von diesen Geschichten finden sich in dem kleinen Buch “Wie der Donnergott einmal in den Brunnen fiel”. Zu beziehen bei Amazon, im Buchhandel oder im Dōjo in Oberrüsselbach.

Im Dōjo gibt es auch eine CD, auf der einige der Geschichten aus dem Buch auf Fränkisch erzählt werden, damit das Lachen das Licht in die Welt bringt.

“Wie der Donnergott einmal in den Brunnen fiel” bei Amazon

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26 April 2010 - 9:41Tokyo: Warum man niemals einen Japaner nach dem Weg fragen soll.

Japaner sind sehr höfliche Menschen. Sie helfen gern, aber das schlimmste, was einem Japaner passieren kann, ist es, sein Gesicht zu verlieren.

Fragt man einen Japaner nach den Weg und er kennt sich nicht aus, wird er das neimals zugeben, weil er befürchtet, den Fragenden enttäuschen zu müssen. Und dann hätte er sein Gesicht verloren. Man gibt also bereitwillig Auskunft und schickt den Fremden irgendwo hin. Der wird ohnehin niemals wieder kommen. Aber fürs erste ist man der Peinlichkeit enthoben, sagen zu müssen: “Es tut mir leid, aber ich kenne den Weg nicht!”

Wir wollten ins Suntory Kunstmuseum, das angeblich eine berühmte Sammlung von alten Stellschirmen und Teegeräten zeigt. Die Ausstellung sollte sich im 10. Stockwerk des Suntory-Gebäudes im Stadtviertel Akasaka befinden. Akasaka ist das repräsentative Viertel der Botschaften und der öffentlichen Einrichtungen südlich vom Kaiserpalast. Akasaka zählt etwa 10.000 Einwohner, aber tagsüber befinden sich hier über 97.000 Menschen, die in den Büros und Hochhäusern arbeiten. Direkt gegenüber der U-Bahnstation liegt das Suntory-Gebäude mit der Ausstellung – so hieß es jedenfalls. Als wir dort ankamen und sofort dem Suntory-Gebäude gegenüberstanden, stellt sich heraus, dass heute am Samstag niemand in dem Gebäude war. Aber das Museum sollte doch die gesamte Woche über zugänglich sein? Am Eingang zur U-Bahn war ein Häuschen mit einem freundlichen Polizisten, der auch sofort auf das Suntory-Gebäude zeigte und sagte, dort ist das Museum.  Als er hörte, dass das Gebäude geschlossen ist, war er sehr verwirrt, aber immerhin griff er zum Telefon um sich zu informieren. Freudestrahlend kam er zurück und berichtet, dass das Museum umgezogen ist, und etwa eine halbe Stunde zu Fuß entfernt lag und er erklärte uns den Weg auf einem Stadtplan, der dort angebracht ist. Kann man zwar laufen, aber wir entschlossen uns denn doch, ein Taxi zu nehmen.

“Suntori bijutsukan kudasai!” Wie aus der Pistole geschossen kam das “HAI!” – “Aber selbstverständlich!” Zwischen dem U-bahn Ausgang und dem Suntory Gebäude liegt eine Hochstrasse, die man aber an der Fußgängerampel unterqueren kann und dann direkt vor dem Gebäude steht. Der Taxifahre brauste los, kurvte herum, fuhr über die Überführung, wendete waghalsig, drehte wieder um und stand vor dem Suntory-Gebäude, wo er stolz verkündete: “Koko de! (Hier)!”

Nein, hier nicht, die Sammlung  ist ja inzwischen umgezogen. “Ah soh ka, soh ka! Ach so, ach so!” Wir zeigten ihm die Richtung die uns der freundliche Polizist angegeben hatte und mit einem militärischem “Hai, wakarimasu! Jawohl, Verstehe!” brauste der Taxifahrer los – in die falsche Richtung! Dann blieb er stehen und tippte nervös auf seinem Navi herum, bis endlich das befreite “Hai, soh desu ne!” kam und er endlich, offensichtlich genau im Bilde, wo er hinfahren mußte losbrauste. Er fuhr wie wild um die Kurven, hierhin und dort hin, aber offensichtlich hatte er keinerlei Ahnung, wo er hin sollte. Endlich blieb er stehen und eklärte im Brustton der Überzeugung: “Koko de!” Nachdem er offensichtlich nicht wusste, wo wir hin wollten, beschlossen wir, den Preis zu zahlen und das Taxi zu verlassen.

Wir hatten inzwischen völlig die Orientierung verloren, aber Gott sei Dank näherte sich ein großgewachsener Mann europäischen Typs, der sich als Holländer entpuppte, der sehr oft geschäftllich in Tokyo gewesen war. Er erklärte uns, dass wir uns inzwischen an der Rückseite des Kaiserpalastes befanden. Na, egal, Suntory hin oder her, besichtigen wir eben den Kaiserpalast, bzw. den öffentlich zugänglichen Teil, der Früher Sitz des Tokugawa Shogunates war.

Aber das Suntory-Museum saß uns noch in den Köpfen. Also noch einmal zu der U-Bahn und zum Stadtplan. Dieses mal laufen wir das! Aber der Maßstab der Karte täuschte doch ziemlich und wir waren schon ziemlich müde vom Laufen. Also neuer Versuch mit dem Taxi. “Suntari bijutsukan? Hai!” Ah, der kennt sich aus. Aber wieder wendete er sein Taxi und wollte zum Suntory Gebäude fahren.   “Nein! Nicht dort!” “Ah, soh desu ka! Das andere Suntory!” Na also, der kennt den  neuen Standort. Ohne sein Navi zu befragen brauste er völlig sicher los und noch dazu in die richtige Richtung. Ohne jeden Zweifel fur er uns durch die Gegend, bis er mit einem völlig sicher geschmetterten “Koko de! Hier!” entließ und sofort weiter brauste. Und da war es: Suntory Hall! Aber das ist ein Restaurant und nicht das Kunstmuseum. Inzwischen waren wir im Stadtviertel Roppongi angekommen, das berühmt ist für sein Nachtleben, die vielen Musikkneipen und die Musikerszene, in der alle Musikrichtungen der Welt vertreten sind. Weil es das Klischee so will, kam uns ein Schwarzamerikaner entgegen, der sich genauestens im Roppongi auskannte – vermutlich ein Musiker, der hier lebt und arbeitet. Es war noch eine ganze Weile zu Fuß, aber nicht schon wieder ein Taxi!

Endlich kamen wir zum Midtown Tower am Rande von Akasaka und Roppongi.

Midtown Tower

Keine Spur von Suntory Kunstmuseum! Im Erdgeschoß der Dog-Plaza mit allem, was Hund so benötigt: einer Hundeklinik, einem Hunde-Ofuro, einem Hunde-Ryokan und einem Shop mit Kitsch und notwendigen Dingen wie Pullovern, Strickwesten, Hunde-Hakama und so weiter. Aber dann im 6. Stock das Suntory Museum.

Am Eingang junge Damen im Career-lady-look, die freundlich erklärten, dass die Sammlung mit den Stellschrirmen und den Teegeräten leider derzeit nicht zu sehen ist, dafür aber zeitgenössisches japanisches Glas.  Na, für Teegeräte interessiert sich ohnehin niemand in Tokyo.

Aber immerhin gefunden und um einige Erfahrungen reicher! Wenigstens waren wir jetzt auch im Roppongi. Und wir werden nie wieder einem Taxifahre trauen, der militärisch knapp mit einem geschmetterten “Hai! erklärt, dass er ganz genau weiß, wo wir hin wollen. Jedenfalls nicht in Tokyo!

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26 April 2010 - 7:29Tokyo: Stadt mit vielen Gesichtern

Wir sind gerade aus Japan zurückgekehrt und noch voll von vielen Erinnerungen.
Normalerweise reisen wir nach Kyoto, der alten Kaiserstadt mit einer Fülle von historischen Erinnerungen und voller Kunstschätze.
Nach langer Zeit wollte ich doch wieder einmal die neue Hauptstadt Tokyo besuchen, von der die Kyoto-Leute voller Verachtung sagen, dass es dort keine Kultur gibt.

Unser traditionelles Ryokan im Stadteil Chu-O, also mitten im “Zentrum” von Tokyo strahlte noch ganz den Glanz der längst vergangen Edo-Zeit aus und wird wohl in den dreißiger Jahren erbaut worden sein.
Dier Schoji – die papierbespannten Schiebefenster – waren nicht wie in Kyoto einfach aus wagerechten und senkrechten Stäben geformt. Quer über das Fenster zogen sich Muster von Blüten und Blättern an knorrigen Ästen, die aus dunklem Holz ausgesägt und in das Fenster eingefügt waren.
Unweit des Ryokan die ehrwürdige Tōdai Universität, die ein eigenes Stadtviertel bildet. Man betritt den Campus durch das Akamon, das Rote Tor, das noch aus der Zeit stammt, als der Campus im Besitzt der Daimyo-Familie der Maeda aus der Provinz Kaga, heute Ishikawa war.

Todai Akamon
Die Universität wurde zwar erst unter Kaiser Meiji gegründet, die Wurzeln reichen aber zurück bis in die Zeit des Shogunates, wo unter anderem hier das Regierungsamt zur Übersetzung westlicher Bücher untergebracht war. Der Campus mit seinen an alten westlichen Vorbildern orientierten Gebäuden erweckt ein wenig den Eindruck von Cambridge. Am anderen Ende des Campus gegenüber des Akamon ist die medizinische Fakultät mit seinen Krankenhäusern und Forschungseinrichtungen. Der Unterricht in westlicher Medizin war eine der wichtigsten Aufgaben der Meiji – Tōdai.
Mitten im Campus der Co-Op Laden, in dem man alles kaufen kann, was der Student braucht – von Bleistift und Radiergummi über Lebensmittel und Kitsch bis hin zur “Uniform” der ‘Salaryman’ und der ‘Career-Lady’. Diese Uniform ist ein schwarzer Anzug bzw. Kostüm mit passenden Schuhen, Aktentasche und einer Gebrauchsanweisung, wie man korrekt gekleidet als Salaryman oder Career-Lady auftritt.

Verläßt man die Universität gegenüber des Akamon, so betritt man eine vollkommen andere Welt, die Welt von Ueno mit dem Ueno-Park und dem Shinobazu Teich mit vielen Lotosblumen und gesäumt von Kirschbäumen.

Ueno-Benten-Do
Ueno war das Shitamachi, die “Untere Stadt” der kleinen Handwerker und Händler. An dem Morgen, als wir an den See kamen, regnete es in Strömen und nur wenige Menschen waren unterwegs. Nur ein Mann mit Fahrrad, das hoch bepackt war mit – Müll. Fein sortiertem Müll von Konservendosen. Am Rande des Sees unter den Kirschbäumen unter blauen Plastikplanen weiterer Müll, offenbar genauestens sortiert nach Kategorien: Konservendosen, Plastikflaschen, Glasflaschen etc. Die Plastikplanen zogen sich am ganzen See entlang und wirkten trotz all des Mülls sehr aufgeräumt und ordentlich. Aber kann den soviel Müll auf so engem Raum angesammelt werden? Wo bleibt denn da die Müllabfuhr?

Plötzlich bewegte sich eine der Plastikplanen und vorsichtig lugte ein Mann darunter hervor, offenbar der Herr eben dieses Müllhaufens. Und noch einer und noch einer. Hier lebt der Müll der modernen Großstadtgesellschaft. Fein säuberlich unter  immer den gleichen blauen Plastikplanen unter denen sich all die Habe des menschlichen Mülls von spezialisiert gesammeltem Müll befindet. Es sind nicht nur alte, kranke und gebrechliche Menschen, die dort in der Müllstadt mitten in der modernen Großstadt leben, man sieht durchaus auch junge Gestrandete, die in der modernen Großstadt keinen Platz als Salaryman oder Career-Lady gefunden haben oder die ihn verloren haben, weil ihr Arbeitsplatz weggefallen ist.

Auf der anderen Seite des Sees eine Alle von bereits abgeblühten Kirschbäumen. Und plötzlich wird uns klar, dass wir uns an der Stelle befinden, an der Rudi Angermeier aus dem Film Hanami von Doris Dörrie seine japanische Freundin Yu trifft, die dort jeden Tag Butoh tanzt und die genau in einem solchen “Haus” aus blauen Plastikplanen am Rande des Ueno Parks lebt. Der Film beschreibt also genau die Realität des Lebens in der Shitamachi, der Gegenwelt der Salaryman und der Career Ladys.
Wir würden erwarten, dass diese Welt des meschlichen Großstadtmülls von den “anständigen Bürgern” gemieden wird, aber weit gefehlt. Am nächten Morgen, der Regen hatte aufgehört, gingen wir durch den Ueno Park und den Zoo zum Nationalmuseeum. Entlang des ganzen Weges die “Siedlung” aus PLastikplanen. Und mitten auf den Wegen die jungen Mütter mit Kinderwagen, die es geschafft haben, ihre Rolle als Office- oder Career-Lady gegen die Rolle der Mutter und Hausfrau auszutauschen. Friedlich existieren hier die Welt der Müllmenschen und die heile Welt der Hausfrauen mit Kindern nebeneinander, ohne sich gegenseitig zu stören. Niemand nimmt Notiz von den Gestrandeten der modernen Zeit. Das gehört genauso zum Leben, wie Kariere und Kinder.

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