Leseprobe: Japanische Legenden

Wie einmal der Donnergott in den Brunnen fiel

Der Donnergott in Japan ist ganz furchtbar anzuschauen. Er hat flammende rote Haare, die wie Blitze von seinem Kopf abstehen und lange gebogene Eckzähne ragen weit aus seinem offenen Mund. Auf dem Rücken trägt er einen riesigen Reifen, auf dem ganz viele Trommeln befestigt sind. Wenn es ein Gewitter gibt, dann stürmt er auf den Wolken daher, trommelt mit einem fürchterlichen Wirbel auf seinen Trommeln und faucht und zischt ganz schrecklich. Meistens aber sitzt er oben auf seiner Wolke und schaut neugierig auf die Erde herunter und beobachtet das Treiben der Menschen. Einmal war eine schöne junge Bäuerin am Bach am Dorfrand und wusch ihre Wäsche. Sie schürzte ihren Röcke ganz hoch, damit sie nicht nass würden und stand bis zu den Knöcheln im kleinen Bach. Das sah der Donnergott oben auf seiner Wolke. Die junge Bäuerin war ja gar zu schön wie sie so reizend mit ihren nackten Beinen am Bachrand stand. Der Donnergott schaute und schaute und neigte sich dabei immer weiter über den Rand seiner Wolke nach unten. Und da geschah es: Krawummmm – mit einem fürchterlichen Krach stürzte er von seiner Wolke herunter. Die Trommeln auf seinen Rücken donnerten ganz entsetzlich und der Donnergott schrie laut und fürchterlich vor Schreck. Die Menschen im Dorf wunderten sich, das es so laut und fürchterlich donnerte, weil ja doch eigentlich die Sonne schien und kein Gewitter weit und breit zu sehen war. Nur die junge Bäuerin bekam davon nicht mit, weil sie ganz vertieft darin war, ihre Wäsche zu waschen.

Raijin-ogata-emuseum

Der Donnergott fiel und fiel und dann – krawumm - stürzte er in den tiefen Dorfbrunnen. Oh was hatte er für einen Schrecken bekommen. Vorsichtig tastete er sich ab, ob alles noch heil war. Vor allem fürchtete er um seine kostbaren Trommeln. Was, wenn die am Brunnenrand stecken geblieben wären? Aber es war alles noch heil, nur einen furchtbaren Schreck hatte er bekommen.

Aber dann merkte er, dass der Brunnen gar sehr tief und eng war. Es gab einfach keine Möglichkeit, wieder aus dem Brunnen heraus und zurück auf seine Wolke zu kommen. Als er das bemerkte, fing er ganz fürchterlich an zu toben und auf seine Trommeln zu schlagen. Erschrocken sagten die Dorfbewohner: „Oh nein, jetzt sitzt der Donner tief im Brunnen! Wenn er herauskommt, wird er in seinem Zorn fürchterliches Unheil anrichten!“ In ihrer Not liefen sie zum Dorftempel, wo ein weiser Priester wohnte. Der saß in tiefer Meditation, als er den fürchterlichen Lärm hörte, den der Donner machte. Aber ganz ruhig und gelassen blieb er sitzen und dachte nur: „Wenn der genug gedonnert hat, dann hört der auch schon wieder auf!“ Als er von den Dorfbewohnern hörte, dass der Donner im Brunnen fest steckte, war er auch zuerst ganz erschrocken. Aber dann dachte er, der muss ja wieder hinauf auf seine Wolke. Sonst macht er hier die ganze Zeit den Krach im Brunnen. Niemand kann mehr schlafen, und Wasser holen kann man auch nicht mehr, weil ja der Donner im Brunnen sitzt. Also nahm er seinen ganzen Mut zusammen und ging zum Brunnen.

Er rezitierte ganz laut: „MAA KAA HANN YAAA HAARAMIIITA SCHIN GYOOO“.

Verblüfft hörte der Donner auf zu donnern und zu toben und fragte den Priester:
„Was bist du denn für Einer? Statt deine Gesänge zu rezitieren hilf mit lieber wieder raus aus dem Brunnen!“
„Das will ich schon tun“ sagte der Priester, „aber zuvor musst du mir versprechen, dass du niemandem etwas zu Leide tun wirst!“
„Waaas!“ schrie der Donner. „Erst stellt ihr eine schöne Bäuerin an den Bach, damit ich von meiner Wolke runterfalle und dann soll ich Euch nichts antun?“
„Erstens steht die Bäuerin sehr oft am Bach, schließlich muß sie ja die Wäsche waschen und schließlich hat dir ja niemand erlaubt, so neugierig auf fremde junge Frauen zu starren. Wenn du nicht willst, so bleib in deinem Brunnen sitzen. Dann wird in Zukunft eben der Donner nicht mehr am Himmel sondern im Brunnen donnern!“

Jetzt wurde der Donner doch recht kleinlaut. Er wusste, wenn er nicht nachgeben und versprechen würde, niemandem etwas zu tun, so musste er möglicherweise für immer in dem blöden Brunnen sitzen bleiben.

„Also gut, versprochen, wenn ihr mir hier raushelft, werde ich niemandem etwas tun. Auch in Zukunft werde ich Euer Dorf verschonen,aber immer günstige Wolken schicken, damit ihr eine reiche Ernte habt!“

Der Priester rief nun alle Dorfbewohner zusammen. Sie banden alle Stricke zusammen, die sie finden konnten, warfen sie in den Brunnen und mit vereinten Kräften zogen sie den Donner wieder heraus. Mein Gott, wie schwer der doch war. Na, kein Wunder bei all den Trommeln, die er auf dem Rücken trug!

Kaum war der Donner aus dem Brunnen draußen, als er schon machte, das er fort kam auf seine Wolke. Er hatte ja versprochen, dass er niemandem etwas antun würde und er fürchtete, dass schon bei seinem Anblick die Leute tot vor Schreck umfallen würden.

Nun saß er wieder auf seiner Wolke und seufzte erleichtert auf. Unten auf der Erde klang das wie ein ganz fernes Gewitter. Die Knie zitterten noch vor Schreck aber sonst ging es ihm schon wieder ganz gut. Vorsorglich überprüfte er seine Trommeln, ob nichts verbogen oder verloren war. Gott sein Dank, alles war noch dran und an der rechten Stelle.

Seit dieser Zeit gab es nie wieder ein schreckliches Unwetter über dem Dorf. Die Sonne schien, und es regnete gerade so viel, dass die Früchte auf dem Feld wohl gediehen.

Und heute noch schauen die jungen Frauen, wenn sie am Bach die Wäsche waschen vorsorglich nach oben, ob nicht der Donnergott wieder da oben auf seiner Wolke sitzt. Könnte ja sein, dass er wieder zu neugierig würde.

Und das haben wir ja schon mal gehabt!

© Myōshinan chadôjo Oberrüsselbach

Das Buch ist bereits e-book erschienen.

Die Druckversion ist im Buchhandel, bei Amazon oder im Myōshinan Chadōjo erhältlich.
Titel: Wie der Donnergott einmal in den Brunnen fiel
ISBN.: 978-3-86850-627-3

Zum Buch gibt es eine CD mit einigen der Erzählungen im fränkischen Dialekt. Zu beziehen im Myōshinan Chadōjō Bestellung im Myōshinan
Buch bei Paypal bezahlen auch ohne eigenes Paypal - Konto

Buch / CD