Keramik im Oribe - Stil

Der Oribe-Stil

Der Samurai Furata Oribe 古田 織部 (1544 - 1615) war einer der Hauptschüler Rikyû's. Oribe wurde in einem kleinen ländlichen Ort in der Provinz Gifu in Zentraljapan geboren. Die von ihm begründete Teeschule existiert noch heute.

Oribe hatte dem Bakufu, der Militärregierung in vielfältigen Ämtern gedient. Schließlich begegnete er Rikyû und aus einer tiefen Beziehung entwickelte er sich zu einem der "sieben Schüler Rikyû's". Nach dem Tode Rikyu's wurde Oribe nach Edo berufen, wo er für den Tee des Shôgun zuständig war. In dieser Zeit begann er, einen neuen Stil des Tee zu formen, der später unter Enshû endgültig zum Daimyô - Tee, dem Tee der herrschenden Klasse wurde. Aus dieser intensiven Beschäftigung mit dem neuen Stil entstand auch die Keramik im Oribe - Stil.

Rikyû hatte bei der Entwicklung der Teeschalen eng mit Shojiro und Tanaka Sôkei aus der späteren Raku-Familie zusammengearbeitet. Aus dieser Zusammenarbeit war die Tradition der Rakufamilie hervorgegangen, die im Stil Rikyu's bzw. Shojiro's bis zur heutigen 14. Generation ihre Keramik herstellt.
Jedes Stück wurde nicht nur individuell geformt, sondern auch einzeln im Ofen gebrannt. Der Künstler kann weitgehend den Brennprozess für jedes einzelne Stück steuern. Damit ist jedes Stück der Raku-ware absolut individuell.

Im Gegensatz dazu ist keine Keramikerfamilie derartig mit der Oribe-Keramik verbunden. Es gibt zwar Keramiker, die sich dem Oribe-Stil eng verbunden fühlen, aber niemand stellt ausschließlich Oribe-Keramik her. Der Oribe-Stil ist damit ein Kunststil, der frei von familiärer Tradition von jedem Keramiker verwendet wird, der diesen Stil liebt.
Oribe selbst hatte auch keine derartig enge Beziehungen zu einem einzelnen Handwerker wie Rikyû zu Shôjiro. Inwieweit er überhaupt auf die Oribe - Keramik Einfluß genommen hat, ist nicht ganz aufzuklären. Sicher ist, dass die zahlreichen Öfen in der Mino - Region, möglicherweise gefördert durch Oribe, eine führende Rolle in der Keramikproduktion Japans einnahmen und dass dort die meisten der Oribe - Stücke von anonymen Handwerkern hergestellt worden sind.
Die Mino - Öfen übernahmen damals von dem älteren Seto, das in der unmittelbaren Nähe der Mino-Region ebenfalls in der Provinz Gifu liegt, die führende Rolle. In der Mino Region wurden zur Zeit Oribes damals für Japan neuartige Anagama - Öfen mit vielen Brennkammern gebaut, die den Brand von großen Mengen unterschiedlichster Keramik in einem einzigen Brand erlaubte. Die Steuerung des Brandes für ein einzelnes Stück ist damit unmöglich.
Bei der Raku-Keramik wurde und wird dagegen bis heute jeweils nur ein einziges Stück in den Ofen gegeben und gebrannt. Bei aller Formenvielfalt der Oribe-Ware ist also durchaus eine frühe, fast schon industriell zu nennende Fertigung zu beobachten. Das wird noch dadurch unterstrichen, dass alle Oribe-Stücke von anonymen Handwerkern verfertigt sind, deren Namen niemand kennt. Allerdings setzte der Oribestil unter den unbekannten Handwerkern eine ernorme Kreativität frei.
Die Raku - Ware dagegen ist immer von einem selbstbewußten Künstler signiert und damit vor der Anonymität der quasi industriellen Fertigung bewahrt. Aber die Familientradition der Rakufamilie läßt nur eine relativ eng begrenzte Kreativität zu, weil sich der einzele immer an die Tradition der Familie halten und diese bewahren muss.

Farbe und Malerei

Weißes Oribe mit Grün - Braun
Oribe Chawan - Detail
Charakteristisch für die am meisten verbreitete weiße Oribe Keramik ist die Verwendung eines weißlichen Tones, der unter einer krakelierenden, sehr dünnflüssigen Feldspatglasur sichtbar bleibt. Unregelmäßig angebrachte grüne Farbflecken verzieren die Stücke. Das Grün der Glasur entsteht durch Zugabe von Kupfersulfat, das in oxidierender Atmosphäre grün ausfärbt. Dort wo die Glasurtropfen dick aufliegen entsteht ein charakteristischer bläulicher Schimmer. Die Dekorationsmalerei wird mit lockerem Pinsel mit bräunlichem bis fast schwarzem Eisenoxy aufgetragen. Die Malerei muss locker und spontan wirken. Es gab Zeiten, in denen sie von Kindern aufgebracht wurde, die noch unbekümmert um Perfektion die Pinsel geführt haben. Heute gilt es als besonderes Talent, den Malpinsel in dieser spontanen Weise führen zu können.
Der Scherben von neuer Oribeware ist fast rein weiß. Durch die craquelierende Glasur dringt Tee oder andere Stoffe in den Scherben und verfärbt ihn im Laufe der Zeit immer mehr zu einem cremigen weiß-gelb. Das Krakelee selbst wird immer mehr eingefärbt und bekommt eine wunderschöne Patina, die durch langen Gebrauch immer schöner wird.

Narumi Oribe

Narumi Oribe Mizusashi / Showa - Zeit
große Ansicht
Bei der Shino - Keramik gab es einen Typus, bei dem weißer und roter Ton miteinander verknetet wurde. Diese Technik wurde auch bei Keramik im Oribe - Stil angewendet. Damit ist der Scherben nicht mehr rein cremig weiß sondern nimmt einen rötlichen Schimmer an. Keramik von diesem Typ zeichnet sich durch eine ausgesprochene Freude an der Dekoration aus. Der rötliche Ton wird teilweise mit weißer Engobe übermalt. Die weißen Flächen sind fast immer von bräunlicher Eisenoxydmalerei eingefasst. Damit entstehen klar abgegrenzte weiße Flächen auf dem rötlichen Ton, der mit einer Feldspatglasur bedeckt ist, die aber im unteren Bereich teilweise den Scherben frei läßt. Im abgebildeten Beispiel hängen von oben stark abstrahierte Nasu - Auberginen und ein weiß ausgelegter Winkel bestimmt zusammen mit den grünen Farbflecken die gesamte Vorderseite. Die Rückseite ist sehr viel mehr abstrahiert und zeigt zwei weiß ausgelegte Scheiben.
Neben der für Oribe - Keramik typischen Deformation zeigt sich hier deutlich ein weiteres Merkmal. Der Keramiker hat mit kräftigen Schnitten mit dem Messer oder der Drahtschlinge die Oberfläche aufgebrochen und die Regelmäßigkeit bewußt und deutlich sichtbar zerstört.

Schwarzes Oribe

Schwarzer Oribe Chawan
Tsutsu Chawan ( hohe Form)
Besonders in der frühen Zeit der Verwendung der Oribe - Keramik schätzte man die schwarze Oribe Ware, die mehr als die grün-braune Ware dem wabi Ideal des Zen - Tee entsprach. Schwarzes Oribe ist, sofern die Ware nicht ohne jede Dekoration blieb, mit eher strengen, meistens geometrischen Mustern versehen. Äußerlich ist das schwarze Oribe kaum von schwarzem Raku zu unterscheiden, aber der Scherben ist wesentlich höher gebrannt als die Rakuware. Rakuware wird zwar ebenfalls bei relativ hohen Temperaturen gebrannt. Es wird aber jeweils immer nur ein einziges Stück im Ofen gebrannt. Die Ware bleibt nur so lange im Ofen, bis die relativ leicht schmelzende Glasur beginnt zu laufen. Dann wird das Gefäß sofort in heißem Zustand aus dem Feuer genommen und sturzartig abgekühlt. Dadurch bleibt der Scherben weich und porös.
Scharzer Oribe - Chawan
Eine Arbeit von Oribe selbst
Im Gegensatz dazu ist das schwarze Oribe durchgesintert, weil die Ware nicht sofort heiß aus dem Ofen genommen werden kann. Die Öfen, in denen Oribeware gebrannt wird sind teilweise riesige Anagama Öfen, die mehrere Tage brauchen, bis die Ware voll gebrannt ist. Daducht ist der Scherben immer genügend lange der Hitze ausgesetzt und kann vollständig durchsintern. Der Oribe - Scherben ist also wesentlich härter als der vom schwarzen Raku.

Mizusashi / schwarzes Oribe
Die Malerei auf der schwarzen Oribe - Ware ist meistens nüchtern und oft abstrakt. Manchmal sind die schwarzen Muster auf dem hell - cremigen Scherben unter einer Transparentglasur mit dem Pinsel aufgebracht. Es gibt aber auch Stücke, bei denen die schwarze Glasur ausgespart ist. Dazu wird der Scherben mit Schablonen beklebt und dann erst mit der schwarzen Glasur überzogen. Nach dem Trocknen der schwarzen Glasur können die Schablonen wieder abgezogen werden und der weiße Scherben wird wieder sichtbar. In diesem Fall sind die Dekorationen noch reduzierter und schlichter, weil man die Aussparungen in der Glasur nicht so differenziert aufbringen kann, als wenn man auf den Scherben mit dem Pinsel oder dem Malhorn malt.
Verformung zur Unregelmäßigkeit.
Fast immer sind die Gefäße deformiert. Der Keramiker drückt den noch weichen Ton des geformten Gefäßes mit den Händen ein. Hochgebrannte Ware, die im Brennofen durch die Flammenführung an einer zu heißen Stelle des Ofens steht, ist immer wieder eingesunken, weil der Ton im Feuer zu weich geworden ist. Diese Ware galt ursprünglich als Ausschuß.
schwarzer Oribe Chawan
Kutsugata - Schuhform
Aber die Teemeister begannen diese nicht perfekten Stücke zu schätzen, weil sie als ganz besonderer Ausdruck des wabi galten. Gerade das Unperfekte wird im Tee besonders geschätzt. Statt nun auf den Zufall zu hoffen, der das Gefäß im Feuer verformen würde, ließ Oribe diese Deformation von vornherein am noch weichen Ton der Gefäße anbringen. Das Unperfekte und Deformierte der Keramik ist damit ein besonderes Kennzeichen des Oribe-Stils.

Am ausgeprägtesten ist diese Verformung bei den Kutsugata - Chawan, die zu einer Schuhform (Kutsugata) gedrückt werden. Die Teeschale hat die Form eines Fußabdruckes im Sand. Vielleicht zeigt sie so die Flüchtigkeit und Vergänglichkeit alles Dinge.

Kutsugata - Chawan / Ansicht von oben
Bei der Verwendung des Chawan wird die schmale Seite nach rechts gestellt, so daß die breite Längsseite der Teeschale nach vorne zeigt. Eine Geschichte erzählt, dass einmal Rikyû und Oribe beim Tee zusammen waren und Oribe seinen schuhörmigen kutsugata chawan benutze. Beiden war nicht klar, welche Seite man als Vorderseite nehmen sollte. Die Teeschale erinnerte Rikyû an die Form des Biwa-see in der Nähe von Kyôto. An der schmalen Südseite des Sees in der Höhe der Stadt Ôtsu führte damals eine lange Brücke über den See. Rikyû bemerkte, dass der Teelöffel wie die große Brücke von Ôtsu über dem Chawan liegen würde, wenn man die Schmalseite nach rechts dreht. Er gab dem Teeleöffel den Namen "Große Brücke von Ôtsu" und fortan zeigt die schmale Seite der kutsugata immer nach rechts.

Deformation als Spiegel der Gesellschaft

Es ist auffällig, dass Oribe den schiefen, verzogenen Stil in seiner Keramik liebte. Das Schiefe ist dabei keineswegs natürlich entstanden, sondern bewußt gewollt und herbeigeführt. Zu dieser Vorliebe Oribes passt auch, dass er völlig unbekümmert um Konventionen kostbare Teegeräte zerbrach und sie neu zusammenfügte. Die perfekte Forme etwa der chinesischen Ware gefiel ihm nicht. Erst nachdem die Form zerbrochen und wieder geklebt worden war, fand sie sein Gefallen. Auch Rikyu duldete die unperfekte Form, die sich aus dem Material von selbst ergab. Eine zebrochene Teeschale, die jemand achtlos weggeworfen hatte, klebte er wieder zusammen. Eine Bambusvase, die in der Trockenheit gerissen war, fügte er mit Metallklammer zusammen und verwendete sie weiter. Aber es gab einen charakteristischen Unterschied zwischen Rikyu und Oribe. Rikyu ließ die natürliche unperfekte Form zu, Oribe führte gewollt und gezielt die Deformation herbei.
Rikyu und Oribe
Rikyu besaß eine Chaire, deren Elfenbeideckel durch Insektenfraß einen Fehler aufwies. Er verwendete sie so, dass der Fehler auf der vom Gast abgewendeten Seite lag und er legte den Teelöffel auf die Schadstelle, damit die Gäste nicht allzusehr gestört wurden. Einmal verwendete Oribe eben diese Chaire. Aber er legte die Schadstelle so, dass sie zu den Gästen zeigte und den Teelöffel legte er auf die andere Seite. Dadurch wurde der Fehler besonders hervorgehoben. Das gefiel Oribe so sehr, dass er künstlich ein Loch quer durch den Elfenbeideckel in der Form von Insektenfraß bohren ließ.

Kabuki - das Schiefe
Das Schiefe und Verzogene seiner Keramik entsprach durchaus einer gesellschaftliche Entwicklung der Zeit. In der Kaichô - Ära (1596 - 1619) entstand eine Untergrundbewegung der unteren Volksschichten, die als Kabuki 傾き  bezeichnet wurde.
Kabuki ist abgeleitet vom Verb 傾く kabuku - sich anlehnen, neigen, heruntersinken, ruinieren. Die 傾き者 Kabukimono - die Leute des Kabuki - waren Protagonisten einer Subkultur, die Ausschweifungen und Vergnügungen liebten und die strenge gesellschaftliche Norm verachteten. Die Kabukimono versammelten sich am Ufer des Kamo-Flusse an den Brücken, den Orten der Bettler, Gaukler und der Prostituierten. Aber hier entstand aus dieser Subkultur eine neue Kultur der unteren Volksschichten in strenger Ablehnung und als Gegenpart der Kultur des Schwertadels. Eine ehemalige Tempeltänzerin Izumo Okuni (1571 - ?) ließ sich hier nieder, errichtete ein Theater und unterhielt die Massen mit lasziven Tänzen. Daraus entstand die Theaterform des Kabuki, die sich bewußt vom vornehmen Nô-Theater des Adels absetzte. Allerdings hat sich im Laufe der Zeit die Schreibweise 歌 - 舞 - 伎 Ka - Bu - Ki für die neue Theaterform durchgesetzt ( - Singen,- Tanzen, - Ki Tun, Geschicklichkeit). Obwohl das Bakufu immer wieder mit Verboten auf die Kultur des Kabuki reagierte, setzte sich diese Kultur schließlich bis heute als Volksbelustigung durch, aus ihr entstand die Welt des Ukiyo, der Kultur der 'fließenden Welt'. Ein neuer und sehr dem vergnügliche zugewandeten Umgang mit dem Mûjô, der Vergänglichkeit war entstanden.

Die Vorliebe für das Schief - Verzogene, das Kabuki 傾き  wirft ein interessantes Licht auf die Persönlichkeit Oribes. Als Samurai war er durchaus an die Normen des Bakufu angepasst. Aber in seinem Inneren war er wohl dem Neuen, das aus den unteren Schichten des Volkes kam nicht abgeneigt. Die Bewegung des 'Schief - verzogenen', des 傾き 

Rikyû's Tee war ein Tee der Kaufleute, der Stadtbürger gewesen, die in einem neu erwachten Selbstbewußtsein die Kultur neu gestalteten. Die Kaufleute unterwarfen sich den strengen Regeln und Übungen des Zen und gestalteten aus diesem Geist den neuen, 'demokratischen' Tee. Aber nach dem Tode Rikyû's brachten die gewaltigen gesellschaftlichen Umwälzungen die Kaufleute wieder aus dem Zentrum des Kulturgeschehen zurück in eine unbedeutende Nebenrolle. Oribe gestaltete den Daimyô-Tee für die oberste Adelsklasse, aber im Untergrund wirkte die neue Kultur der niederen Volksmassen, das 'kabuki' weiter.

Tief in der Gesellschaft Japans ist das Mûjô, die Vergänglichkeit alles Dinge verwurzelt. Schon Kamo no Chômei hatte sich aus der Welt zurückgezogen, um in der Abgeschiedenheit seiner Berghütte zu meditieren, zu musizieren und zu schreiben. Dies war sein Umgang mit der Vergänglichkeit. Rikyû formte den Teeraum und die schwarzen, verhalten in sich stehenden Rakuschalen, die eine Aura des ewigen mitten in der Vergänglichkeit ausstrahlen. Oribes Kutsugata-Chawan ist wie die Spur der Vergänglichkeit , wie die Schritte im Sand. Oribe gestaltet die vergnügliche Seite des Mûjû so wie später das Ukiyô in der Edozeit.