Exkurs: Farbe in den Upanishads

In den indischen Upanishads werden nur drei Farben unterschieden, nämlich rot, weiß und schwarz.

Nach der Chândogya - Upanishad aus dem Sâmaveda beschloß das unnennbare Eine am "Anfang": "Ich will vieles sein!" und schuf aus sich die Glut von roter Farbe. Die Glut schuf das Wasser von weißer Farbe und das Wasser die Nahrung von schwarzer Farbe. Seit der Zeit hat jedes Seiende, sei es "Ei Geborenes, lebend Geborenes oder Keim Geborenes", dreifache Gestalt, nämlich rote Glut, weißes Wasser und schwarze Nahrung. Das Rote des Feuers ist die Glut. Das Weiße des Feuers - das Wasser, wird zur Rauch. Das Schwarze des Feuers ist die Nahrung des Feuers, das Holz oder die Kohle. So "verschwindet das Feuersein des Feuers" und lediglich die Dreigestaltigkeit, die in Wahrheit das Eine ist, bleibt.
Das Rote der Glut ist von der Art einer Energie, die alle Prozesse antreibt, wie die Hitze nach oben trägt und "vergeistigt". Das Weiße, Wäßrige manifestiert sich in mittlerer Form, die sich wandelt, während das Schwarze das "Materielle", Verfestigte ist.
Nahrung, wenn sie gegessen wird, wird zu Kot, Fleisch und Manas (das Denken, Denkvermögen). Wasser, wenn es getrunken wird , wird zu Urin, Blut und Prâna (Lebensatem, ursprünglich unterschieden in prâna, das Einatmen und apâna, den Aus-hauch) usw. Manas, das Denken ist wie ein ruheloser Vogel, der unentwegt hinausfliegt zur Welt und den Dingen und im Anderen einen Stütz- und Ruhepunkt sucht. Aber dieser Vogel findet außen keinen Punkt, wo er ruhen könnte. Er ist aber mit einer Schnur an dem zentralen Pfosten, dem prâna, dem Atem angebunden und kehrt daher immer wieder zu diesem Ruhepol zurück. Diese Rückkehr des ruhelosen Denkens zum Ruhepol des prâna, des Atems spiegelt nicht nur yogische Praxis: sie findet sich in allen meditativen Wegen.
Auch der Mensch, der in der Rede irritiert fragt, "Wer bin ich?" kehrt zurück zum unnennbar Einen als seinem Ursprung, wenn die Rede zurückgekehrt ist in manas (Denken) und das Denken zurückgekehrt ist in prâna (Atem), prâna zurückgekehrt ist zur Glut und die Glut zurückgekehrt ist zu dem unnennbaren Einen. Jetzt erkennt der Mensch in diesem unnennbaren Einen: "Tat tvam asi - Das bist Du".

Nach diesem Konzept der Chândogya - Upanishad aus dem Sâmaveda entsteht alles Seiende aus dem dreigestaltig und dreifarbig gewordenen Einem und wird wieder zu diesem. Die drei Farben sind die Ausdifferenzierung des Einen im Vielen, sie binden das Viele wieder zurück in das Eine. Diese Dreigliederung findet sich in allen indischen Denksystemen. In der Philosophie des Vedanta ist alles aufgegliedert in drei Gunas - Sattva, Rajas und Tamas. Sattva ist das Lichte, Reine, klare. Die Farbe ist weiß. Rajas ist die Energie, die etwas bewirken will, es ist feurig und rot. Tamas ist das Träge, Dunkle, Unklare und Schwarze.
Im Ayurveda, der indischen Medizin, werden Tridoshas, drei Konstitutionstypen: vayu (Wind), pitta (Feuer) und Kapha (Schleim bzw. sumpfige Erde und drei Körperflüssigkeiten Galle Blut und Schleim) unterschieden. Im Yoga sind die drei Nadis, die wie Energiebahnen an der Wirbelsäule emporsteigen - die zentral Sushumna und die spiraligen Ida und Pingala, die mit Sonne und Mond korrespondieren - schwarz, weiß und rot. Diese Liste der Dreiheit ließe sich fortsetzen.
Damit ist klar, daß die drei Farben weniger eine Buntheit als vielmehr ein Weltprinzip begründen, so wie in China die Welt aus fünf Elementen, Farben, Organen, Geschmäckern usw. aufgebaut ist.