Zen - Meister Dōgen als Philosoph

Klassische Philosophie in Indien, China, Japan.

Zen - Meister Dōgen als Philosoph

Beitragvon sensei » Sonntag 14. August 2011, 08:10

Auf der Seite über Dōgen habe ich einen neuen Text eingefügt.
In der letzten Zeit - auch in den Monatsbriefen - befasse ich mich wieder sehr viel mit Dōgen, und mein früherer Eindruck, dass er wohl einer der größten Philosophen ist, bestätigt sich immer mehr. Es wäre schön, wenn sein Denken mehr Beachtung im Westen finden würde. Und es wäre schön, wenn hier eine Diskussion über ihn in Gang käme. Hier der neue Text:

"Die Reden, die zu tun haben mit Nachdenken seien nicht die Zen-Reden der buddhistischen Patriarchen (so meinen heute viele Zen - Buddhisten in China). Die Reden der buddhistischen Patriarchen seien unverständliche Reden.

Daher hätten das Schlagszepter von Ōbaku und das Donnern von Linji (jap. Rinzai) nichts zu tun mit Verstehen oder Nachdenken. Dies sei das große Erwachen (大悟 - Dai Satori), das vor aller Zeit war. Es handele sich dabei um ein Mittel der alten Meister, mit einem Satz das Verhaftetsein an Worte abzuschneiden, und genau dies sei nicht verstehbar.

Diejenigen, die diese Auffassung vertreten, sind noch nicht dem richtigen Meister begegnet und haben kein Auge für das inständige Lernen.
Sie wissen nicht, dass das Nachdenken Sprache ist und dass die Sprache das Nachdenken befreit!
Dōgen stellt sich gegen die auch heute im Westen weit verbreitete Auffassung, der Zen sei mit dem Nachdenken nicht zu erfassen und irrational. Als Beispiel gelten die Methoden Linji's (Rinzai), der nur mit lauten Schreien seine Schüler wach gerüttelt hat. Aber man muss bedenken, dass er überwiegend Söhne von einfachen Bauern unterwiesen hatte, die weder lesen noch schreiben konnten. Für Dōgen ist gerade auch die Sprache und das Nachdenken ein wichtiges Medium, das Erwachen zu realisieren. Aber dazu muss er die Sprache so gestalten und formen, dass sie geeignet ist, im sprachlichen Nachdenken das Erwachen zu realisieren.

Freilich muss man sich davor hüten, einfach Dinge und Sätze nachzuplappern. Vielfach werden einfach nur die alten Sätze und Koan nachgeredet und man erspart sich das Nachdenken, indem man den Zen schlichtweg für irrational erklärt und versichert, er sei nur "aus dem Bauch heraus" zu realisieren. In einem Seminar über Rilkes "Duineser Elegien" hat einmal ein Teilnehmer verwundert erklärt, er dachte, er sei hier in einem buddhistisch eingeweihten Kreis. Aber Rilkes Denken war ihm so fremd, dass er begann, nachzudenken. Nach ein paar Tagen bemerkte er, dass er jetzt anfing zu verstehen, was er in der sprachlichen "Rutschbahn" - wie er sagte - der üblichen buddhistischen Erklärungen einfach nur nachgeredet hatte. Sprache kann zum Erwachen führen, sie kann aber auch, wenn sie nur nachgeplappert wird, ein Hindernis sein. Dōgens Sprache hat den Vorzug, dass sie so schwierig ist, dass man zum Nachdenken gezwungen wird, man kann Dōgen nicht einfach nachplappern. Aber Dōgen versucht mit Worten das Wesentliche zu sagen. So wird Denken und seine Philosophie zu einem Weg des Erwachens. Damit ist Dōgen nicht nur einer der größten Zen-Meister Japans, sondern auch einer der größten Denker dieses Landes, vielleicht der Größte überhaupt. Aber seine Philosophie weist weit über Japan hinaus, er zählt sicherlich zu den noch weitgehend unentdeckten philosophischen Denkern der Welt."

Der Text ist zu finden unter:
http://teeweg.de/de/literatur/dogen/philosophie-zen.php
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